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Provokative Therapie Eines der zentralen Probleme bei der Behandlung chronisch Schizophrener kreist um die Frage der Verantwortlichkeit der Patienten für ihr Handeln. Zur Zeit verleiht das Etikett "geisteskrank" diplomatische Immunität oder einen Freibrief für jedes abweichende Verhalten. Die Patienten können jedem Impuls, jeder Laune nachgeben, ohne ernsthafte Vergeltung fürchten zu müssen. Sie dürfen allen ihren Gefühlen freien Lauf lassen, da ja per definitionem vorausgesetzt wird, dass sie es nicht besser wissen oder unfähig sind, ihre Impulse zu steuern, weshalb man sie für ihr Tun und Lassen nicht verantwortlich machen kann. Der Patient ist nicht nur immun gegen Sanktionen der Gesellschaft, er kann sich auch von seinem eigenen Gewissen freikaufen, indem er für verwerfliches Verhalten die alles verzeihende Entschuldigung, verrückt zu sein, in Anspruch nimmt. Unter dem sakrosankten Banner des Wahnsinns kann er Schuld- und Schamgefühle wegen normalerweise schockierendem oder entnervendem Verhalten vermeiden. Wenn er will, kann er pinkeln, wann und wo es ihm gerade passt, kann öffentlich masturbieren, aggressiv um sich schlagen, sich entblößen, träge und untätig bleiben und jedes soziale Tabu verletzen: immer mit der Gewißheit, dass das therapeutische Team gezwungen ist, sein Verhalten lieber zu verstehen als es zu bestrafen. In vieler Hinsicht hat der psychisch Kranke heutzutage Vorrechte wie ein absoluter Monarch des Mittelalters mit der Macht und Herrlichkeit, sich jeder Laune hinzugeben. Wie das göttliche Recht der Könige sicherstellte, dass "der König kein Unrecht begehen kann", so können auch psychische Kranke nichts "Unrechtes" tun; sie können sich allenfalls "krank" verhalten. Das "göttliche Recht" der
psychisch Kranken bringt ihnen noch weitere Vorteile. Wie jeder Monarch sein
Gefolge hat, so verfügen auch chronisch Kranke Patienten über einen Troß von
Helfern und "Dienern", die sie betreuen. In jeder gut ausgestatteten
psychiatrischen Klinik sorgen Diätspezialisten für die Mahlzeiten und
psychiatrische Hilfskräfte bedienen die Patienten. Falls sie beim Anziehen,
Rasieren, Duschen usw. Hilfe benötigen, so steht immer jemand vom Personal zur
Verfügung. Freizeit- und Beschäftigungstherapeuten entwerfen detaillierte
Pläne, um sie zu unterhalten und vor Langeweile zu bewahren. Sollten sie sich
aufregen, so ist stets irgendein Arzt oder Pfleger zur Stelle, um sie zu
beruhigen oder ihre Schmerzen zu lindern.
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