Frank Farrelly / Arnold M. Ludwig
Die Waffen des Wahnsinns
Es hat sich eingebürgert, psychisch Kranke, insbesondere chronisch
Schizophrene, als arme, hilflose, unglückliche Wesen anzusehen, die durch
Familie und Gesellschaft krank gemacht und durch langfristige Hospitalisierung
in ihrer Krankheit festgehalten werden.
Diese Patienten werden als hilflose Opfer beschrieben, die
ohnmächtig den übermächtigen Einflüssen ausgeliefert seien, welche ihr Leben
bestimmen und ihre Psychopathologie prägen.
Aus einer solchen Sicht ergibt sich zwangsläufig eine Behandlungsphilosophie,
die darauf abzielt, alle sozialen und institutionellen Zwänge zu vermindern,
die für das Elend des Patienten (angeblich) verantwortlich sind.
Freilich, Theoretiker und Kliniker, die die Entstehung und
Erhaltung einer chronischen Schizophrenie auf diese Weise erklären, haben einen
weiteren Missetäter außer acht gelassen: den Patienten selber.
Fachleute scheinen die simple Möglichkeit übersehen zu haben, daß
Schizophrene Patienten ganz einfach deshalb chronisch werden, weil sie sich
dafür entscheiden.
Zweifellos könnten unzählige Expertisen zitiert werden, die
eine derartige Vereinfachung des Problems widerlegen.
Wir leugnen auch nicht die Komplexität des Problems oder die Vielfalt
theoretisch möglicher Faktoren, die man für das Verständnis und die
Behandlung der chronischen Schizophrenie heranziehen sollte.
Wir behaupten jedoch, daß alle diese theoretischen Überlegungen wenig
praktische Bedeutung haben für die gegenwärtige Behandlung dieser Patienten.
Wir sind derzeit noch nicht in der Lage, krankhafte Gene zu entwirren,
Vergangenes ungeschehen zu machen, die Gesellschaft umzuformen oder
psychiatrische Kliniken abzuschaffen. So bleibt uns eine bescheidenere, aber
dennoch gewaltige Aufgabe: die Behandlung des Patienten selbst.
Es geht vor allem darum, mit dem fertig zu werden, was ist - und nicht mit dem,
was sein sollte oder möglicherweise gewesen ist. Nach unserer eigenen Erfahrung
liegt die Aufgabe weniger darin, Faktoren außerhalb des Patienten zu ändern.
Vielmehr geht es darum, bestimmte Haltungen der Patienten und daraus folgende
Verhaltensweisen zu verändern - ebenso wie komplementäre, in letzter Zeit
üblich gewordene Einstellungen auf Seiten der Gesellschaft und des
Pflegepersonals, die das Grundproblem verschärfen und effektives
therapeutisches Handeln verhindern.
Wir hatten Gelegenheit, eine Gruppe von 30 männlichen und
weiblichen Patienten eingehend zu beobachten und mit ihnen zu arbeiten; sie
erhielten ein Minimum am Medikation und lebten in einer experimentellen
Therapiegruppe zusammen. In einem früheren Artikel (in: The Code of Chronicity,
Archives of General Psychiatry, Dezember 1966) haben wir eine Anzahl
charakteristischer Einstellungen und Verhaltensweisen sowohl der Patienten als
auch des Personals beschrieben, die geeignet sind, der Chronifizierung Vorschub
zu leisten. Diese Einstellungen umfassen das, was wir den "Kodex
der Chronizität" genannt haben.
Die Diskussion dieses Kodex geht von fünf
wichtigen klinischen "Tatsachen" aus, die u.E. dem Verhalten chronisch
Schizophrener zugrundeliegen:
1. Diese Patienten können ihre Verrücktheit benutzen, um
Kontrolle über Mitmenschen und Situationen auszuüben.
2. Sie haben einen unbeugsamen Willen und sind wild
entschlossen, ihn durchzusetzen.
3. Eine der grundlegenden Schwierigkeiten bei der Rehabilitation
dieser Patienten ist nicht so sehr ihr Mangel an Motivation, sondern vielmehr
ihre hartnäckige negative Motivation, hospitalisiert zu bleiben.
4. Psychische Erkrankung und Hospitalisation zahlen sich für
diese Patienten in vielfacher Weise wirkungsvoll aus.
5. Diese Patienten beweisen ein "instinktives
Geschick", wenn es darum geht, bestimmte Reaktionen auf Seiten des
Personals, der Familie und der Gesellschaft im allgemeinen zu provozieren, die
ihre fortgesetzte Hospitalisierung und die damit verbundenen Vorteile
garantieren.
Mit diesen Charakteristika hängen weitere Merkmale zusammen,
die für solche Patienten typisch sind; wir wollen sie näher beschreiben, weil
sie für unsere grundlegende These bezüglich des Patienten-Verhaltens von
Bedeutung sind.
Diese weiteren Besonderheiten sind während der verschiedenen Phasen unseres
therapeutischen Forschungsprogramms allmählich in unser Blickfeld geraten. Wir
wollen sie hier die "Waffen des Wahnsinns" nennen. Es ist uns nämlich
zunehmend klarer geworden, daß die Patienten über ein stattliches Arsenal
kontra-therapeutischer Waffen verfügen und diese auch wirkungsvoll gegen die
Rehabilitationsbemühungen des Personals einsetzen. Diese Waffen erreichen nicht
nur ihr Ziel, sie werfen auch zusätzlichen Gewinn ab in Form einer Reihe
vorhersehbarer Reaktionen des Personals. Um es mit diesen Waffen aufzunehmen,
muß man sie erst einmal erkennen. Deshalb hatten wir das Bedürfnis, diese
Waffen und ihre Auswirkungen zu beschreiben. Zudem haben wir die Überzeugung
gewonnen, daß sie zum Zweck der Rehabilitation ausgeschaltet werden müssen.
Deshalb ist es notwendig,die daraus folgenden therapeutischen Konsequenzen und
ethischen Fragen sorgfältig zu betrachten. Genau das wollen wir tun.
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Waffenarsenal "
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